useR / machine

useR / machine ist eine Serie research-basierter, kollaborativer künstlerischer Arbeiten, in der die Auseinandersetzung mit der Maschine als ‚der Anderen‘ im Mittelpunkt steht und die zwischen Februar 2015 und Juni 2016 ausgestellt und veröffentlicht wurde.

Ausgangspunkt für die Auseinandersetzungen war die Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen Ida Lorbach und Freya Chakour und gemeinsam entwickelten Fragen nach Sprache und den damit konstruierten Wirklichkeiten in den Feldern der Malerei (Lorbach), des Films (Chakour) und der Neuen Medien (Paehr). Die mediale Skulptur useR war Teil der gemeinsamen Ausstellung Textstelle im Kunsttempel Kassel, die Ausgabe how to become a machine (PDF) ist Teil der Publikation 19.7x14.1 und der performative Talk RoboLove Corp fand im Rahmen eines gemeinsamen Release-Abends der Publikation statt und wurde im ACAD&C-Magazin Virtual Inheritance als Lesen I und II veröffentlicht.

RoboLove Corp — Talk, Juni 2016

Das Hauptprodukt der Robotikfirma RoboLove Corp aus Fukuoka, Japan, ist die Gynoide Tsu-i-17, das maschinelle Replikat der japanischen Nachrichtensprecherin Eriko Tsutsumi, die 2011 während eines Autounfalls ums Leben kam. Im Vortrag wird die Philosophie der Firma kritisch beschrieben und analysiert. Hierfür werden Texte aus der Publikation how to become a machine vorgestellt, in Bezug zu ihren institutionellen Quellen gesetzt und die Folgen ihrer Erfindungen angedacht.

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Anhand der Werbebilder von RoboLove Corp wird in die Kommunikation zwischen Menschen und Maschinen eingeführt:

„Wenn die Schnittstelle bzw. das Interface […] eine 'spezielle Schaltung zur elektronischen Anpassung zweier sonst inkompatibler Geräte' […] ist, so wäre das Gesicht mit 26 Muskeln, von denen 8 für die Mimik verantwortlich sind, eine mögliche Schnittstelle eines Menschen zum Anderen. Weitere Möglichkeiten der Schnittstellen sind Körpersprache, Berührungen, Verletzungen, Geräusche, Gerüche. Verbale Sprache. Zeichen. Bilder. Text.“ (Auszug Talk)

Der Service Robography bietet personalisierte Roboterbiographien an, die anhand eines von den Benutzer*innen auszufüllenden Fragebogens generiert werden und von mit RoboLove Corp kooperierenden Robotikfirmen in humanoide Roboter implementiert werden können. Für einen Aufpreis kann die gewünschte Roboterbiographie und -persönlichkeit in professionellen Beratungsgesprächen ermittelt werden. Während des Talks werden Werbebroschüren für Robography ausgegeben, die eine Kurzversion des Online-Fragebogens enthalten. Auch wenn die Fragebögen zunächst umsonst sind, werden sich nur wenige Befragte ihren personalisierten Roboter leisten können, alle anderen füttern die Datenbanken von RoboLove Corp.

Tsu-i-17 erfüllt das Bedürfnis der Fernsehzuschauer*innen nach der verstorbenen Frau Tsutsumi, welches sich nach ihrem Tod in sinkenden Zuschauerzahlen niederschlug und durch den Einsatz von Tsu-i-17 kompensiert werden konnte. Doch welche Begehrlichkeiten werden in Zukunft in Roboter übertragen oder neu erfunden werden? Wer wird über diese Begehrlichkeiten bestimmen, sie verwalten und verkaufen und wer wird (kein) Vorbild für maschinelle Replikationen sein?

„Humanoide Roboter (human = menschlich, oid = Gestalt, Ähnlichkeit) sind per Definition menschenähnlich, verfügen über einen aufrecht gehenden oder zumindest stehenden Körper, ein Gesicht, oft eine hautähnliche Oberfäche und Haare. Der menschenähnliche Sklave, oder die Sklavin, wecken seit jeher Begehren nach Kontrolle, Unterwerfung und Erfüllung von Bedürfnissen, deren Befriedigung durch andere Menschen ethisch für die Besitzer nicht auszuhalten wären. Nicht grundlos kommt die Hälfte des zusammengesetzten Begrifes 'humanoid' aus dem Englischen. Human heißt Mensch und menschlich; Als humanoid, übersetzt: menschenähnlich, aber nicht menschlich, bezeichneten die Europäer 1870 die Bewohnerinnen 'ihrer' Kolonien. Kolonialismus beinhaltet die Entmenschlichung derer, denen man Land, Rechte und Körper nimmt, trennt zwischen Menschen und Anderen. Auch heute stellt sich nicht nur die Frage, was ein Mensch ist, sondern auch, wer das Recht innehält, universell menschlich zu sein – menschliche Eigenschaften hat, die sich auf alle Menschen übertragen lassen. Es ist die Frage danach, wer das Grundmodell ist und wer die Variation.“ (Auszug Talk)

Werden dadurch, dass bisher realisierte Roboter bis auf wenige Ausnahmen eine weibliche Physiognomie aufweisen, Geschlechterverhältnisse des 20. Jahrhunderts durch technische Implementierung (quasi) unsterblich gemacht oder ist die Erfindung des weiblichen Roboters eine in der Vergangenheit bereits falsifizierte Reaktion auf Begehrlichkeiten wie die Erfindung der Frau als soziale Rolle?

Während des Talks zoomt der Projektor hinter der Rednerin immer näher an das Gesicht von Tsu-i-17. Sie sieht aus wie eine auf ihren Beruf zugeschnitten gekleidete, ambitionierte junge Frau. Ihre Lippen deuten ein Lächeln an, die Brille sitzt ganz leicht schief über den dunkelbraunen Augen. Zoomt der Projektor weiter heran, sieht man Ausschnitte ihres Gesichts als Pixel.

Der dem Talk zugrunde liegende Text wurde in überarbeiteter Form im Juli 2016 im ACAD&C-Magazin Virtual Inheritance veröffentlicht.

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Lesen I und II — Artikel, ACAD-Magazin Virtual Inheritance, Juli 2016

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Virtual Inheritance ist der Titel des zweiten ACAD&C Magazins des gleichnamigen Kollektivs. Konzeptions- und Redaktionsteam sind Andara Shastika, Jasper Meiners, Feben Amara und Isabel Paehr, gestaltet wurde das Magazin von Jan Mensen und Johannes Strüber. Es wurde in einer Auflage von 200 Stück gedruckt.

Der Beitrag Lesen I und II entstand in Reflexion der wenige Monate zuvor veröffentlichten Publikation how to become a machine. Das Format des Magazins erlaubte eine essayistische Herangehensweise an die Diskurse um humanoide Roboter. Der Beitrag ist eine komprimierte Fassung des Talks RoboLove Corp und kann hier (PDF) gelesen werden.

How to become a machine — in der Publikation 19.7x14.1 — Veröffentlicht auf der Leipziger Buchmesse, März 2016

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how to become a machine wird mit den Publikationen Objects are closer than they appear von Freya Chakour und Position 1 von Ida Lorbach herausgegeben. Die drei Hefte vereint das Format 19.7 x 14.1 cm, das von den drei Künstlerinnen unterschiedlich interpretiert wird. 19.7 x 14.1 erschien in einer Auflage von 100.

Die Gestaltung des Zines wirft Fragen nach der Materialität digitaler Devices auf. how to become a machine ist glatt, glänzend, dünn, und hat ein an digitale Medien erinnerndes Interface wie das eines Browsers. Beim durchblättern des Zines öffnen sich Tabs, wodurch die Informationen parallelisiert werden, auch wenn der händische Umgang mit dem Printprodukt ein eintauchen oder sich herein arbeiten nahelegt.

how to become a machine stellt Roboter*innen und experimentelle Überlegungen zur Zukunft vor und ist als PDF einsehbar.

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useR — mediale Skulptur — in der gemeinsamen Ausstellung ‚Textstelle’ mit Ida Lorbach und Freya Chakour im Kunsttempel Kassel, Februar 2015

useR ist eine Installation, in der ein menschlicher Akteur mit einer einfachen künstlichen Intelligenz in Kontakt tritt. Untersucht wird die Sprache, die Menschen in Bezug auf nicht-menschliche Akteure gebrauchen, in Vergleich gesetzt werden die Syntax geschriebener Alltagssprache und (ebenfalls von Menschen geschriebener) maschineller Ausgabe.

Im Eingangsbereich der Galerie hängen zwei Bildschirme über der Augenhöhe der Betrachter*innen. Der dunkle Screen, an den eine schwarze Platine angeschlossen ist, reagiert in Programmiersprache auf die Fragen des hellen Screens, der sich sprachlich in für die Besucher*innen gewohnter Weise ausdrückt. Die Platine des dunklen Screens kann auf das WLAN des Ausstellungshauses und die angeschlossene Webcam zugreifen. Sie kann Mail-Konten von Besucherinnen oder Vorbeilaufenden auslesen, macht Fotos, veröffentlicht Kreditkartennummern, zieht also die Besucher*innen unfreiwillig in den Dialog mit ein, während der helle Screen Fragen nach Privatheit, Mensch-sein, Körperlichkeit stellt. Dennoch wird der dunkle Screen mit Platine ‚benutzt‘ — ,führt aus’ — ‚wertet aus‘, beantwortet Fragen des hellen Screens. Gibt es andere Möglichkeiten, über Maschinen nachzudenken denn als Benutzte und Menschen als Benutzer? Welche Verhältnisse erzeugt die aktuelle Gestaltung von Bildschirmen, Platinen, Kabeln?

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Die Ausstellung Textstelle zeigte vom 12. bis 15. Februar 2015 Arbeiten der Künstlerinnen Freya Chakour, Ida Lorbach und Isabel Paehr im Ausstellungshaus Kunsttempel in Kassel.

„Gemeinsames Thema ist die Sprache als Medium für Verständigung und Missverständnisse, für Überwachung, Erinnerung und Identitätsbildung.
Filmbilder, gesprochene und geschriebene Sprache, Hardware, Software und der Raum gehen in ihren Arbeiten Symbiosen ein.“ — Ausschnitt Ausstellungsbeschreibung
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‚Textstelle’ — Über die Ausstellung (Ausstellungsflyer)

Kollaboration als Teil der Arbeiten

Die Zusammenarbeit der Künstlerinnen Chakour, Lorbach und Paehr zeichnet sich dadurch aus, dass gemeinsame Besprechungen und künstlerische Unterstützung bei gleichzeitig unveränderter Autorschaft der individuellen Arbeiten einen ehrlichen, produktiven Austausch ermöglichen. Feedbackprozesse werden als Teil der künstlerischen Praxen verstanden und Entscheidungen im (lange ausgehandelten) Konsens getroffen. Für die Künstlerinnen ist die Reflexion des gemeinsamen Arbeitens so wichtig wie die Reflexion der eigenen Arbeiten.

Quellen / Inspiration:

Lucy A. Suchman — Plans and Situated Actions
Eric Steven Raymond — The Cathedral and the Bazaar
Paul Virilio — Der eigentliche Unfall
Aaron Swartz: The Guerilla Open Access Manifesto

Dank:

Osaka University (Allowance to use the image of Dr. Hiroshi Ishiguro as a collage)
Boxan (Druckerei 19.7x14.1)

Inspiration, Korrekturen und Unterstützung:

Mareike Bernien, Freya Chakour, Gabriele Franziska Götz, Charlotte Hermann, Darsha Hannah Hewitt, Ida Lorbach, Jasper Meiners, Melanie Mendetzki, Jörn Röder, Milena Röthig, Johanna Schaffer, Kathi Seemann, Mario Strahl

Finanzierung:

aus den Mitteln des Projektrats der Universität Kassel und Geldern der Fachschaft 20 (useR, how to become a machine)