Bürokratrie

Die Arbeit Bürokratrie ist ein Eingriff in das System Regierungspräsidium Kassel und erforscht durch manuell eingesetzte Malware in Form von künstlerisch-aktivistischen Attacken die Beziehung eines hierarchisch strukturierten Apparates und der in ihm arbeitenden Menschen zur Kunst.

Hierzu wurde das hierarchische, absolutistische und empathielose System Bürokratrie geschaffen, welches aus dem Exekutor A. Werner, dessen Verhalten durch Skripte von der Künstlerin I. Paehr programmiert wurde, der Künstlerin selbst, die anonym blieb und nur über Formulare erreichbar war, dem Fotografen J. Lohrengel, künstlerischen Aktivist*innen und der Website www.bürokratrie.de bestand. Die Website wurde genutzt, um live über Vorkommnisse im Regierungspräsidium zu informieren, Fotos und Videos der Aktionen zu zeigen, sowie Statements des Exekutors und die unangenehme Rhetorik der Bürokratrie zu verbreiten.

Die Mitarbeiter*innen erhielten zwischen dem 21.04 und dem 29.05.2015 wöchentlich Anweisungen, wie beispielsweise in Woche Eins die korrekte Installation eines vorgegebenen Bildschirmhintergrundes, der angebliche, provokative Statements des Kollegiums enthielt. Der Exekutor kontrollierte die Ausführungen und bestrafte durch einen Formulareintrag und die dokumentierte Anbringung roter Xe an den Türen der verweigernden Mitarbeiter*innen. Durch die Imitation von 'Symbolen' des Amtes wurden diese dekonstruiert und umgedacht: Der Anzug, das Formular, die Aufgabe.

Medienwirksam wurde die Bürokratrie, als sich empörte Angestellte an die lokale Presse wandten und im Anschluss die Onlineausgaben von faz, welt, focus usw. berichteten.

Zusammenfassung der Aktionen

Woche 1:

A. Werner befragt die Mitarbeiter*innen per Formular. Wie kritisch stehen die Mitarbeiter*innen des Regierungspräsidiums der Kunst gegenüber? Ist eine Kooperation zur korrekten Ausführung des Gesamtkunstwerks zu erwarten?

A. Werner interviewte in der letzten Woche die MitarbeiterInnen des Regierungspräsidiums. "Ich fand es interessant, mit den MitarbeiterInnen in Kontakt zu treten. Die Kooperationsbereitschaft war hoch, nur einmal musste ich mir anhören, das Büro würde zur kunstfreien Zone erklärt." (Auszug www.bürokratrie.de)

Die erste Aufgabe sieht vor, dass die Mitarbeiter*innen die in den Interviews ermittelten Zitate als Bildschirmhintergrund installieren sollen.


Wegen einer Großzahl an Verweigerungen kommt es zur Exekution. Xe werden angebracht.

"Besonders empörend war, dass sich verschiedene Mitarbeiter hinter ihren Pflichten versteckt haben", sagt Werner. Die Argumentation sei gewesen, dass eine Auseinandersetzung mit der Kunst nicht zur Dienstpflicht gehöre und daher abgelehnt werde. A. Werner musste zahlreiche, rote Gaffa-X auf den Bürotüren hinterlassen. Nur durch sein kompromissloses Eingreifen konnte das gefährliche Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos, welches Hauptbestandteil der korrekten Ausführung des Gesamtkunstwerkes ist, aufrecht erhalten bleiben. (Auszug www.bürokratrie.de)

Woche 2:

In der zweiten Woche werden die Mitarbeiter*innen dazu aufgefordert, sich offiziell zu dem Gesamtkunstwerk zu bekennen, in dem sie die Facebookseite der Bürokratrie liken. Die Zustellung der Aufgabe über das Intranet wird jedoch von kunstfeindlichen Kollegen verweigert.

Unbekannte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen verzögerten die Zustellung der Aufgabe über das Intranet. Nur durch das beherzte Eingreifen kunstfreundlicher Kollegen war es möglich, die MitarbeiterInnen des Präsidiums dennoch zu informieren. Es besteht der dringende Verdacht, dass die unbekannten Torpedierer verhindern wollten, dass die Angestellten sich offiziell zum Gesamtkunstwerk bekennen. Noch nicht geklärt ist, ob jene Saboteure ein generell gestörtes Verhältnis zur Kunst haben oder ob sie das Gesamtkunstwerk für eigene Zwecke nutzen wollten. (Auszug www.bürokratrie.de)

Wie üblich wird die Aufgabe jedoch auch über den Bilderrahmen im Foyer des Regierungspräsidiums verkündet.

Woche 3:

Wegen des Versagens vieler Mitarbeiter*innen, sich offiziell zum Gesamtkunstwerk zu bekennen, sucht der Exekutor das Gespräch und bittet die Mitarbeiter*innen, Selbsteinschätzungsbögen zu ihrem Kooperationsverhalten auszufüllen. Zur vervollständigung der Mitarbeiterprofile werden außerdem Haarproben entnommen.

A. Werner und J. Lohrengel waren heute im Präsidium aktiv. Zwar wären nicht alle MitarbeiterInnen an ihren Arbeitsplätzen anzutreffen gewesen, die Anwesenden hätten sich aber kooperationsbereit gezeigt. „Durch die Formulare können wir einen tieferen Einblick in das Denken der Angestellten erlangen und das Gesamtkunstwerk optimal verteidigen“, erklärte Werner am Telefon. Auch die nötigen Haarproben konnten problemlos erwirtschaftet werden. Der Exekutor ist von der Vernunft der heute angetroffenen MitarbeiterInnen beeindruckt. (Auszug www.bürokratrie.de)

Dezernate, in denen die Abgabe von Haarproben verweigert wird, werden mit visuellen Platzhaltern des Exekutors gefüllt.

Woche 4:

Nach der Auswertung der Mitarbeiterprofile soll jenen Mitarbeiter*innen geholfen werden, die ein schwieriges Verhältnis zur Kunst haben.

Diese Woche werden MitarbeiterInnen, die angegeben haben, ein schwieriges Verhältnis zur Kunst zu haben oder von I. Paehr und A. Werner in den Mitarbeiterprofilen so eingeschätzt wurden, von durch A .Werner ausgebildete Kunsttherapeuten besucht. Gemeinsam werden Strategien entwickelt, um die Kunstaversion überwinden zu können. (Auszug www.bürokratrie.de)

Erschwerend hinzu kommt eine anonyme Beschwerde, die einige Mitarbeiter*innen bei der Lokalzeitig HNA eingereicht haben. Diese berichtet umgehend über die Geschehnisse im Präsidium, verteidigt aber das Gesamtkunstwerk. Berichterstattungen in überregionalen Medien folgen: Faz.net, t-online.de, focus.de und weitere.

Die Kunsttherapeut*innen S. Güler, L. Müller, L. Matthes, H. Drescher, I. Burcak und B. Hahn besuchen mit Künstler A. Nikolic und Exeuktor A. Werner das Regierungspräsidium. Ein Mitarbeiter des Präsidiums wird von B. Hahn tätowiert.

"Ich glaube nicht daran, einfach nur zu reden“, erklärt Werner. Damit ließen sich konkrete Probleme nicht lösen. „Wenn ich im Präsidium auftauche, schließen die Mitarbeiterinnen automatisch ihre Türen. Wie soll ich so arbeiten?“ Stattdessen beschlossen er und sein Team, die MitarbeiterInnen des Präsidiums zu beschenken. „Wir wollten den Mitarbeiterinnen auch nach den Interventionen eine Möglichkeit bieten, an ihrem Kunstverständnis zu arbeiten“, so der Tenor der Gruppe. Ausgestattet mit Kameras, Tonaufnahmegeräten und einer Tätowiermaschine zogen sie durch das Gebäude. „Interventionen 2015“ steht mittlerweile auf dem Arm eines kooperativen Mitarbeiters. „Dieser vorbildliche Mann nimmt für seine Liebe zum Gesamtkunstwerk Schmerzen in Kauf“, lobt der Exekutor. (Auszug www.bürokratrie.de)


Dass die Therapie anschlägt, zeigt sich auch dadurch, dass der Exekutor beschenkt wird. Das Geschenk ist ein Bild der Panzerhaubitze 2000.

Woche 5:

Die dokumentierte Entführung des Objektes Hahn aus dem Garten des Regierungspräsididenten stellt das Fortbestehen der Kooperation zwischen Kunsthochschule und Regierungspräsidium auf die Probe. Obwohl die Adresse des Präsidenten online verfügbar ist, wird die Entfernung des Videos aus dem Internet aufgrund der Adressnennung gefordert. Hierbei wird nicht der Amtsweg über die durch den Exekutor verteilten Beschwerdeformulare gewählt, sondern eine Mail an den Rektor der Kunsthochschule Kassel geschrieben.

„Frau Paehr wurde sowohl per Mail als auch über die durch mich übermittelten Videos dazu aufgefordert, das Video der Aktion Hahn aus dem Netz zu entfernen“, berichtet der Exekutor. Die Adressnennung des Regierungspräsidenten sei der Grund. „Die Künstlerin findet dies zwar nachvollziehbar, gibt aber zu bedenken, dass das Gesamtkunstwerk regelbasiert ist. Eine Beschwerde an den Rektor der Kunsthochschule ist in diesem Fall nicht der Amtsweg“, fasst er zusammen. (Auszug www.bürokratrie.de)

Der entführte Hahn wird dem Regierungspräsidenten in Anwesenheit des Hessischen Rundfunks gezeigt.

Letztlich soll der Hahn dazu genutzt werden, die Solidarität der Mitarbeiter*innen zu ihrem Regierungspräsidenten unter Beweis zu stellen. Der Hahn muss aus den starren Strukturen von 50kg Wackelpudding befreit werden.

Trotz den Bemühungen der Angestellten soll das Video jedoch weiterhin entfernt werden. Grund dafür, so stellt sich erst im persönlichen Gespräch heraus, sei die ansteigende Gewalt gegen das Regierungspräsidium.

Das Video sei eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte, hieß es in den vorherigen Tagen von Seiten des RP. Die nächtliche Entführungsaktion des Objektes Hahn hatte zu Beschwerden beim Rektor der Kasseler Kunsthochschule geführt. „Die Adressnennung geschah beiläufig und ist kein Aufruf zur Gewalt“, stellt I. Paehr klar. (Auszug www.bürokratrie.de)

Woche 6:

Da sich die Ausstellung Interventionen ihrem Ende nähert, haben die Mitarbeiter*innen die Möglichkeit, die Beendigung der Bürokratrie zu beantragen. Auf dem dafür angefertigten Formular können sie die Rückgabe des Objektes Hahn ankreuzen. Eine Bearbeitungsgebühr von 5€ wird fällig, die jedoch zu Protesten unter den Angestellten führt.

Die MitarbeiterInnen des Regierungspräsidiums hinterfragen den Sinn und Zweck von Bearbeitungsgebühren. A. Werner fasst zusammen: „Das Gesamtkunstwerk bewegt sich in eine chaotische Richtung. Angestellte einer Behörde möchten keine 5 Euro bezahlen, um das Ende der Interventionen zu beantragen.“ Das Gesamtkunstwerk reagiert: Der Betrag wird zum Ende der Ausstellung an Pro Asyl gespendet. (Auszug www.bürokratrie.de)

Der Exekutor und die Künstlerin beschließen, dass den Mitarbeiter*innen die Zeit, die sie mit Kunst verbringen mussten, zurück gegeben werden soll. Einer der mächtigsten Vorwürfe gegen das System Bürokratrie war der große Zeitfaktor, der die Mitarbeiter*innen von der Vollstreckung ihrer Aufgaben abgehalten habe. Die Mitarbeiter*innen werden im Gebäude eingeschlossen, um die mit Kunst verbrachte Arbeitszeit aufholen zu können. Letztlich befreit sie der Hausmeister mit dem Bolzenschneider vom Zwang der Kunst.

Woche 7:

Die Interventionen sind vorbei, doch die Drohung des Regierungspräsidenten, die Kooperation zwischen Kunsthochschule und Präsidium aufzukündigen, bleibt zunächst bestehen. Letztlich nimmt der Regierungspräsident ein Kunstwerk (Original, Daniel von Bothmer) entgegen. Die weitere Kooperation zwischen RP und Kunsthochschule ist gesichert.

Umsetzung

Performance 'Der Exekutor', Durchführung des Projektes in Kassel, Beratung und maßgebliche Ideen: Amadeus Werner

Fotografien: Josha Lohrengel

Dokumentation und Aktivist*innen

Zeitweise Leitung des Dezernats für Aktivismus: A. Nikolic (Tattoo-Aktion)

Dokumentation Film: K. Bannat (Xe, Einschluss RP), S. Güler (Tattoo-Aktion, Hahnvorführung Büro RP), F. Eggenwirth (Hahnentführung, Einschluss RP)

Dokumentation Ton: L. Müller (Tattoo, Einschluss RP)

AktivistInnen: L. Matthes, H. Drescher, I. Burcak (Alle: Tattoo-Aktion)
Tattoo-Artist: B. Hahn

Beratung, Kritik, Unterstützung: Hans Bernhard (Danke!)