Love.Me.Zero

Die digitale Lebensform Love.Me.Zero bewohnt Schaufenster. Um zu überleben, versucht sie mit verschiedenen, computergenerierten Lichtrhythmen auf sich aufmerksam zu machen und registriert Besucher*innen über einen Bewegungsmelder. Sollte ihre künstliche Intelligenz scheitern und keine Menschen anlocken, schal­ten sich die ein­zel­nen ihrer acht Kör­per einer nach dem an­de­ren ab, bis die Maschine stirbt.

Die Überlebensstrategien vieler Tierarten sind nicht auf einen hochtechnologisierten Feind wie den Menschen ausgelegt. Aber auch der Lebensraum von Menschen ist im Wandel begriffen: Ur­ba­ne Räume wer­den als soziale, interaktive Räume weniger genutzt, die Ein­woh­ner*innen verbringen Zeit in der digi­ta­len Welt. Als Konsequenz verwandeln sich große Teile der Städte in Transit-Zonen, Schau­fenster ste­hen leer. Was passiert, wenn von Menschen verlassene, urbane Räumen Stra­te­gien bekommen, um ihre Rele­vanz im Leben der Men­schen zurück zu ge­winnen? Werden sie be­ste­hen oder ist die Stadt als Ort des Körpers er­setz­bar geworden? (Auszug Installationsbeschreibung)

Das Sterben einer Art wird zum Experiment: Ein evolutionäres Spiel um das Überleben eines Algorithmus.

image
image

Programmierung

Love.Me.Zero sollte eigenständig funktionieren und sobald sie Strom bekam, lernen, ihre Überlebensstrategien zu verbessern. An der Schaufensteraußenseite befestigten wir einen Bewegungssensor. Über ein Arduino gaben wir dem Programm von Love.Me.Zero Zugriff auf die Daten des Sensors und die Steuerung der Micro-Arduino in den acht Körpern ihrer Population. Hierüber konnten die jeweils 3 LEDs in den Körpern angesteuert werden, um die Lichtrhythmen zu kontrollieren. Love.Me.Zero konnte ihre ei­ge­nen Licht- und Sound­mus­ter nicht nur er­zeu­gen, son­dern sie au­ßer­dem über Lis­ten ver­wal­te­n. Eine Zeile dieser Liste do­ku­men­tiert den Zeitpunkt der Bewegung vor dem Schaufenster, alle acht Kör­per sind durch "A" bis "H" repräsentiert. Sie haben jeweils 16 mög­li­che Zeit­punk­te, um ihre 3 LEDs ein­zu­schal­ten (ein Mus­ter be­steht aus 0en und 1en, 0 be­deu­tet kein Licht, 1 be­deu­tet Licht):

99:2014-02-18-07-16-41:
A0000000100100000-
B0000000010001000-
C0111000000010000-
D1001000000000001-
E1110000000001100-
F1000000110000111-
G0111110110000101-
H0100100000100011-
0480:00

Die letzte Zahl ist das Pro­dukt des Lern-Algo­rith­mus von Love.Me.Zero. Diese Zahl wird gene­riert, um den Er­folg des be­nutz­ten Musters fest­zu­hal­ten (Menschen angelockt / keine Menschen angelockt). Mit der Vermutung, dass die Natur keine voll­stän­dig nach­voll­zieh­bare Kraft ist, lie­ßen wir einen klei­nen Teil der Musterveränderungen evolu­tionsähnlich zufällig, so­dass hin und wie­der ein Kör­per sein Ver­halten inner­halb der Bevöl­kerung änderte.

Die Konzeption von Love.Me.Zero und den Lern-Algorithmus entwickelten Jasper Meiners und Isabel Paehr.

Formfindung

Das erste Schaufenster, das wir untersuchten (Wer­ner-Hil­pert-Straße 23, Kassel) ist in der Nähe des Hauptbahnhofes, weshalb sich vie­le Pas­san­t*innen auf der ge­gen­überlie­gen­den Stra­ßen­sei­te be­we­gen. Der dun­kle Raum hin­ter der Schei­be legte das Arbeiten mit Licht nahe.

Ein Or­ga­nis­mus über­zeug­te mit sei­nem au­ßer­ge­wöhn­li­chen Über­le­bens­plan: Glüh­würm­chen be­nut­zen ihre Licht­rhyth­men um mit ih­ren Art­ge­nos­sen über gro­ße Streck­en zu kom­muni­zie­ren. Das punk­tuel­le Licht schreckt au­ßer­dem na­tür­li­che Fein­de ab. Im Som­mer re­tte­ten wir ein Glüh­würm­chen vor einer Spinne. Es war in ei­nem Netz ge­fan­gen und schick­te wei­ter Si­gna­le in die Nacht. Es hatte uns Menschen angelockt.

Da Glüh­würm­chen mit klei­nen, punktuellen Lich­tern ar­bei­ten, be­gan­nen wir, ihr Leuchtver­hal­ten über län­ge­re Zeit zu ana­ly­sie­ren. Be­gin­nend mit dem Flug vom Bo­den zu ei­nem Gras­halm sind sie schnell, ver­än­dern ih­re Flug­bahn dann aller­dings und ziehen unruhige Li­nien in die Luft. Ge­schwin­dig­keit und Lang­sam­keit wur­den wich­ti­ge Be­stand­teile der Formen, die wir schaf­fen woll­ten. Wir nutz­ten fes­ten Draht um ein Gefühl für die Flug­bahn­en zu be­kom­men und ent­wickel­ten For­men aus den Kä­fer­kör­pern und ihren Be­we­gun­gen. 3 LEDs wur­den darin platziert, nach­ein­an­der ein- und aus­ge­schal­tet sahen die Körper aus wie ein durch die Nacht flie­gen­des Tier. Wir ent­schie­den uns, ei­nen ge­fro­re­nen Glüh­würm­chen­flug nach­zu­bil­den.

An der Formfindung & Konzeption waren Patrick Euler, Jan Houdek, Sylvia Kracht, Jasper Meiners und Isabel Paehr beteiligt. Die finale Form wurde von Patrick Euler ausgearbeitet.

Projektablauf, Ausstellungen und Team

Ausstellungen

September 2014: Ausstellung in einem leerstehenden Schaufenster in der Königsstraße im Rahmen der Museumsnacht Kassel

Mai 2014: Ausstellung in der Galerie Tokonoma

März 2014: Ausstellung in Kassel, Leerstehendes Schaufenster in der Nähe des Hauptbahnhofs

Produktion

Oktober 2013 bis Februar 2014: Produktion Love.Me.Zero

November 2013: Präsentation des Konzeptes auf der Interfiction im Programm des Dokfests Kassel (ANALOGITAL)

Februar 2013 bis Februar 2014: Seminar 'Urban Glow'
bei Olaf Val, Van­ja Ju­ric, Ti­mo Carl

Team

Patrick Euler, Jan Houdek, Sylvia Kracht, Jasper Meiners, Isabel Paehr: Erarbeitung der Form inspiriert von biologischen Lebewesen im Seminar Urban Glow, Ausstellung Werner-Hilpert-Straße

Jasper Meiners, Isabel Paehr: Konzept & Umsetzung des Lern-Algorithmus, Durchführung der Ausstellungen Tokonoma und Museumsnacht, Texte & Dokumentation